Das Los meinte es gut mit Lily, im mehrfacher Hinsicht. Zunächst entschied es darüber, welche Nachwuchsspielerin des deutschen Schachbunds überhaupt einen der begehrten Plätze im Futures-Turnier des Prager Schachfestivals bekommen sollte. In Frage kamen Lily und Alicia Kovalskyy, die als Team Bronze bei der Team-EM im letzten Jahr gewonnen haben. Beide hatten es verdient, aber nur eine konnte den Platz bekommen. Lily hatte Glück und durfte im Futures spielen, Alicia spielte das offene Turnier. Das Prager Schachfestival ist eines der größten und glanzvollsten seiner Art weltweit. Um den Vergleich mit Tennis zu bemühen: Ein Grand-Slam-Turnier des Schachs. Hunderte begeisterte Schachspieler strömten nach Prag, um allen Geschmacksrichtungen unseres Sports zu frönen. Es gab neben dem großen Open (>300 Spieler) und diversen Nebenevents (Rapid, Blitz, Schach960 und sogar Tandemschach) dieses Jahr drei geschlossene Wettbewerbe: Das Masters war wieder mit 10 Spielern, darunter 5 der absoluten Weltelite mit einer ELO >2700, besetzt. Rameshbabu Praggnanandhaa, Wei Yi, Anish Giri, Aravindh Chithambaram, Le Quang Liem und auch die deutsche Nummer 1 Vincent Keymer waren am Start. Im ebenfalls 10-köpfigen Challengers stritten sich hoffnungsvolle Nachwuchsspieler, unter anderem die stärkste weibliche Schachspielerin unter 20 Jahren Divya Deshmukh, um einen Platz im Master-Turnier des nächsten Jahres. Als drittes geschlossenes Turnier wurde das Futures veranstaltet, welches dieses Jahr mit einer Auswahl der stärksten weiblichen europäischen Nachwuchsspielerinnen bis 15 Jahren besetzt war. Lily war unter diesen mit 11 Jahren die drittjüngste und auch nach Setzlistenposition am Ende des Feldes zu finden. Es war klar, dass es für sie ein sehr herausforderndes Turnier werden würde, aber die Chance zusammen mit den Masters und Challengers auf einer Bühne zu spielen, war den Aufwand allemal wert. Ein kleines Bonbon gab es auch noch und damit kommen wir zum zweiten Losglück für Lily: Bei der Eröffnungsfeier wurden Teams aus jeweils einem Spieler des Masters und einer Spielerin des Futures gebildet. Das Duo, welches zusammengerechnet die meisten Punkte erzielte, erhielt am Ende des Turniers einen Sonderpreis. Lily hoffte sehr, mit Vincent ein Team bilden zu dürfen. Abermals hatte sie Glück und zeigte auf den richtigen Umschlag. Das Team Schirmbeck-Keymer war gebildet!
Die Spieler des Masters und des Futures beim Gruppenfoto
Die meisten Spieler wohnten im prunkvollen Hotel Don Giovanni, in dem das Turnier auch stattfand. Gleich bei der Ankunft stolperten wir mit unseren Koffern in den Aufzug und ließen uns von Pragg (Rameshbabu Praggnanandhaa) erklären, welchen Knopf man wie zu drücken hatte, um an sein Ziel zu gelangen. Besonders nett war auch die Begegnung mit David Navarra, der uns fragte, ob wir denn wohl mit der WCM Stepanka Schirmbeck verwandt seien. Sind wir nicht, jedenfalls nicht dass wir wüssten, aber vielleicht lernt man sich irgendwann ja mal kennen. Die Spielbedingungen und Regularien waren für alle Spieler der geschlossenen Turniere gleich. Die Partien fanden in einem abgeschlossenen Bereich vor großen Monitoren und Zuschauern statt. Alle wurden von Kameras beobachtet, die für den Livestream der Partien genutzt wurden. Es gab einen Kommentar in tschechischer und einen in englischer Sprache von Chessbase India. Für die Spieler galt ein Dresscode (keine Jeans!!!), es gab einen Rückzugsort mit Erfrischungen usw. und nach den Partien wurden Interviews geführt. Ein VIP-Raum für die Entourage der Spieler rundete das Angebot ab. Es war toll hautnah mitzubekommen, wie in Prag Schach auf höchstem Level zelebriert und präsentiert wurde.
Spielsaal während der Runde: In der Mitte Zuschauerplätze, davon rechts und links Spitzenbretter des Opens, im Hintergrund der abgetrennte Bereich der geschlossenen Turniere
Sportlich war das Turnier für Lily leider ernüchternd bis enttäuschend, 3 Punkte aus 9 Partien bei nur einer Siegpartie (die aber immerhin mit Schwarz gegen die EU-Meisterin 2023 WFM Tamae Severina Jakubse) waren am Ende der 9. Platz und bestimmt nicht das Ergebnis, das Lily sich im Vorfeld erhofft hatte. Wie schon bei der EM zeigte sich in den Partien, dass Lily locker das Potential hat, sich auch international mit den stärksten Spielerinnen ihrer Altersklasse zu messen, am Ende fehlte aber immer noch ein wenig, um wirklich auch die ganz großen Erfolge zu erzielen.
Am Ruhetag hatten sich die Organisatoren für die Futures ein besonderes Programm überlegt. Durch den Tag wurden sie von WGM Dana Reizniece begleitet, ihres Zeichens nicht nur Schachgroßmeisterin, sondern auch ehemalige Wirtschafts- und Finanzministerin von Lettland, Generalsekretärin der FIDE und noch einiges mehr: Eine beeindruckende Frau! Am Morgen hielt sie für die Kinder und ihre mitreisenden Eltern und Trainer einen inspirierenden Vortrag darüber, worauf es ihrer Ansicht nach im Schach und im Leben ankommt, insbesondere aus weiblicher Perspektive. Danach stand ein professionelles Fotoshooting auf dem Programm, gefolgt von einem Simultan im Cinema 64 in der Prager Innenstadt. Lily gewann als eine von drei Futures-Spielerinnen ihre Partie gegen die Großmeisterin, welche die Gesamtwertung aber 6:4 für sich entschied.
WGM Dana Reizniece beim Simultan gegen die Futures
Bei den Rahmenturnieren spielten wir ebenfalls mit. Hier konnte ich im Rapidturnier (Gruppe B) ausnahmsweise auch einmal glänzen und gewann mein erstes internationales Turnier mit 6,5 aus 7, Eloperformance 2208. Das Foto zeigt die erste Runde gegen Vellu Alissari aus Finnland.
Daneben spielte ich noch das Paar-Blitzturnier und Lily das Bughouse-Turnier (mit etwas anderen Regeln als das deutsche Tandem), jeweils im Team mit Maria Anistoroaei.
Ein bisschen Sightseeing in Prag schafften wir am freien Tag auch noch (Karlsbrücke im Hintergrund).
Vielen Dank an dieser Stelle Petr Pisk für die großartige Betreuung vor Ort, die hervorragende Arbeit der Organisatoren insgesamt und dass sie und der Bundesnachwuchstrainer Bernd Vökler Lily die Chance gegeben haben, beim Futures Turnier des Prager Schachfestivals spielen zu dürfen. Wir haben uns dort sehr wohl gefühlt und hoffen auf ein Wiedersehen! IM Divya Deshmukh sagte nach dem auch für sie schlechten Turnierergebnis die weisen Worte: „These bad tournaments, they happen to every player. It’s just how you come back after it!“. Dem schließen wir uns vollumfänglich an.